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Radioforschung/Audioforschung
 Bestandsaufnahmen, Konzepte, Perspektiven

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Universität Hamburg, 14.-15. Mai 2003

Tagungsbericht


Am 14. und 15. Mai fand im Gästehaus der Hamburger Universität der erste Workshop zur „Radioforschung / Audioforschung“ mit dem Ziel einer Bestandsaufnahme der Beschäftigung mit den Audiomedien in den verschiedenen Wissenschaften statt. Konzepte und Perspektiven waren ebenfalls gefragt. Veranstaltet und organisiert wurde der Workshop von Knut Hickethier und Frank Schätzlein vom neu gegründeten Zentrum für Medienkommunikation der Universität Hamburg.

Nach einem Einleitungsbeitrag „Medienwissenschaft und Radio“ von Knut Hickethier, in dem es um die Verortung des Radios und weiterer akustischer Medien innerhalb der Medienwissenschaft ging, lieferte im ersten Teil des Workshops, der den wissenschaftsbezogenen Konfigurationen des Radios gewidmet war, der Hamburger Politologe Hans J. Kleinsteuber einen Überblick über die Hörfunkpolitik seit den siebziger Jahren und wies darauf hin, dass es eine politologische Rundfunkforschung nur in sehr begrenztem Rahmen gebe. Politikwissenschaft müsse ohnehin auf weite Strecken eher als eine herrschaftssichernde, denn als kritische Wissenschaft verstanden werden.

Uwe Hasebrink vom Hans-Bredow-Institut griff den Faden auf und stellte auch die Kommunikationswissenschaft als eine in Teilen Legitimation beschaffende Wissenschaft dar, ging auf verschiedene Richtungen der Radioforschung ein und skizzierte dann eine mögliche Radioforschung im europäischen Raum. Hasebrink zeigte, welche Nutzungsforschung in anderen Ländern favorisiert werden und welche Anregungen hier für die deutschsprachige Radioforschung zu gewinnen sind.

Der Romanist Wolfgang Settekorn entwickelte ein differenziertes Konzept der Radioforschung, ausgehend vom Interaktionsbegriff, den er in eine Diskursform überführte. Anhand eines Hörbeispiels aus dem NDR 2-Programm (Dialog zwischen Moderator und Anrufer) und einiger Internetseiten des Sender analysierte er Interaktionsstrukturen und ‑angebote. Settekorn zeigte, von der Sprachwissenschaft kommend, wie bei der Radioforschung auch der Machtzusammenhang mitgedacht werden muss und wies auf die Möglichkeiten ganz anderer Konzepte des Umgangs mit dem Radio hin, die sich aus der sehr viel einfacheren Handhabung des Mediums im Vergleich mit den audiovisuellen Medien ergeben. Radio in der Dritten Welt, Radio in alternativen Bereichen, auch Radio im Universitätskontext müssten neu in den Blick kommen.

Der Lüneburger Medienwissenschaftler Werner Faulstich setzte sich mit den neueren Ansätzen zur Radiotheorie auseinander und wies auf die vorhandenen Defizite und Unzulänglichkeiten hin. An seinen Beitrag schloss sich eine längere Debatte über den Theoriebegriff und seine Notwendigkeit in den verschiedenen Wissenschaften an. Deutlich war, dass hier zwischen den kultur- und textwissenschaftlichen Konzepten und den sozialwissenschaftlichen Ansätzen unterschiedliche Konzeptualisierungen bestehen.

Im zweiten Teil des Workshop standen die Kunstformen des Radio- und Audiobereichs im Vordergrund. Der Medienwissenschaftler Frank Schätzlein sichtete die wissenschaftliche Literatur zum Bereich ‚Hörspiel‘ – ‚Radiokunst‘ – ‚Audiokunst‘ und zeigte, wie hier ein sehr stark von Praktikern beeinflusster Diskurs entstand, der auch von Hörspieldramaturgen zur Profilierung der eigenen Position genutzt wurde. Sein Plädoyer zielte auf eine Neubesinnung der Diskurse über die Audiokünste. Daran schloss der Lüneburger Musikwissenschaftler Rolf Großmann an, der ein Feld von ‚Audiowissenschaft = Musikwissenschaft + Medienwissenschaft?‘ konturierte und dabei insbesondere die neuen elektronischen Techniken und Medien als einen neuen Forschungsbereich beschrieb. Hier zeigten sich noch Aufgaben für eine sich der Audiofonie stärker zuwendenden Medienwissenschaft.

Der dritte Teil des Workshops beschäftigte sich mit der Rundfunkgeschichtsschreibung. An den beiden Rundfunktheoretikern und -historikern Hans Pohle und Hans Bausch, die 1955/56 über den Rundfunk promovierten, zeigte der Historiker Karl Christian Führer ihre Denkstile und Modellvorstellungen vom Rundfunk (Rundfunk als Objekt und Instrument der Politik) und ging auf deren Voraussetzungen und Herkunft ein. Auf diese Weise wurden Pohles und Bauschs Darstellungsweisen transparent, ebenso aber auch weitergehend Defizite der frühen Rundfunkforschung.

Ansgar Diller vom Deutschen Rundfunkarchiv (Frankfurt am Main/Potsdam-Babelsberg) berichtete von der Arbeit des DRAs, zeigte dessen Publikationsaktivitäten und ging vor allem auf den neuen Verbund netzwerk-mediatheken.de und die DRA-Angebote innerhalb des Netzwerks ein. Hans-Ulrich Wagner stellte die großen Forschungsprojekte zur Rundfunkgeschichtsschreibung der letzten Jahren kurz vor, um dann auf das Hamburger Projekt der NWDR-Geschichtsschreibung einzugehen und einige grundlegenden Aspekte der Programmgeschichtsschreibung im Rahmen weiterer sektorialer Forschungsansätze anzusprechen.

Der Mannheimer Rundfunkhistoriker Konrad Dussel entwickelte ein Konzept zur Erforschung der Unterhaltungsmusik, insbesondere in der Zeit nach 1945. Er zeigte die unterschiedlichen Bewertungen der amerikanischen und der deutschen Unterhaltungsmusik auf und zeigte Perspektiven, wie denn dieses bislang so wenig erschlossene Gebiet der Rundfunkmusik erarbeitet werden kann. Die Hamburger Kommunikationswissenschaftlerin Monika Pater stellte ein mentalitätsgeschichtliches Modell für die Analyse von Hörfunkangeboten vor. Mentalität als ein Moment des Widerstands gegen Wandel und Veränderungen wurde von ihr als Konzept verstanden, sich mit Hörfunkstrukturen und in besonderer Weise über einen längeren Zeitraum ausgestrahlten Sendereihen und anderen seriellen Angeboten auseinanderzusetzen.

Die Vielfalt der Ansätze und Konzepte wurden innerhalb des Workshops ausgiebig diskutiert, wie überhaupt der Austausch zwischen den Radio- und Audioforschern in den verschiedenen Disziplinen im Zentrum der Tagung stand.

Der Workshop soll im nächsten Jahr mit einem anderen Thema der Radio- und Audioforschung fortgesetzt werden. Die Beiträge werden in einem Sammelband publiziert, eine neue Reihe unter dem Titel „Radioforschung/Audioforschung“ soll damit eröffnet werden.

Knut Hickethier

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Online seit 07.07.2003, © Knut Hickethier
URL: http://www.akustische-medien.de/tagungen/radioforschung2003_bericht.htm