Das Projektseminar zum Kulturauftrag hat
mit der Abschlussproduktion, deren versammelte Beiträge im Uni-Radio am
29. Januar 1997 gesendet worden sind, mindestens an zwei Beispielen
gezeigt, wo man ansetzen könnte. Ich beziehe mich auf diese nicht, weil
sie fehlerlose Vorbilder sind, sondern weil hier exemplarisch im Bezug auf
die historische Radioproduktion von Ernst Schnabel Der 29. Januar
(1947) und konkret auf einen Radio-Text eingegangen wird, der zugleich als
Sendeproduktion vorliegt und (überarbeitet) als Buchtext. Insofern ein
Fall für die Literaturwissenschaft: Eine konventionelle Themenstellung
würde sich vornehmlich mit dem Buchtext befassen und die Realisation eher
als Appendix betrachten. Nicht so die beiden Versuche. Sie gehen vom
auditiven Ereignis aus und nutzen es für zwei unterschiedliche
Verfahrensweisen, Thesen zu entwickeln und zu belegen.
In dem Beitrag von Katja Strube und Sebastian Vogel Ernst Schnabels
29.Januar als Beispiel für Kulturelles Wort wird dieses Stück
Radioliteratur sehr kritisch als ein Beispiel ideologischer Behandlung von
Zeitthemen interpretiert und so in den damaligen Kulturauftrag eingebunden
gesehen. Mit der harschen Wertung muss man nicht einverstanden sein.
Hervorheben möchte ich dagegen den analytischen Zugriff der beiden, wenn
sie das Erzähl-Verfahren Schnabels auseinandernehmen. Bei genauem
Hin-Hören (Das ist es!) bemerkt man zwei Erzähler, die die vielen
Mini-Szenen begleiten und verbinden. Sie sind nicht nur die narrativen
Transponder der Handlung, sondern sie sind zugleich deren Interpreten.
Damit erscheinen sie als die von Schnabel autorisierten (Hör-)
Textinstanzen, durch die die Rezeption gesteuert werden soll.
Hier wird ein Analyse-Fenster geöffnet, das den Blick auf narrative
Strukturen und deren text- und wirkungsästhetische Ausformungen freigibt.
Für diesen Blick, seine methodische Weitung und Schärfung möchte ich
werben Es ist dies ein genuin literaturwissenschaftliches Feld und
zugleich ein Untersuchungs-Acker für medienwissenschaftliche
Anstrengungen. Ihre Verlängerungen (in diesem Fall) könnten z.B. in einem
synchronen Schnitt Beziehungen zu anderen Funkformen aufspüren. Oder es
könnte in einer chronologischen Werkuntersuchung gezeigt werden, wie die
Entwicklung des Funk-Erzählers Schnabel über die Reise-Features bis hin zu
Anne Frank's Spur eines Kindes gelaufen ist, und vieles mehr.
Wichtig ist mir, auf Verbindungen literaturwissenschaftlicher
Fragestellungen mit medienanalytischen Ansätzen hinzuweisen. Das leugnet
nicht notwendige Differenzierungen der Verfahren im einzelnen, behauptet
aber die Möglichkeit sinnvoller Verbindungen. Das gilt natürlich vor allem
für Untersuchungen von Radiotexten mit hohem Wortanteil (obwohl auch hier
vor zu schnellen Übertragungen aus traditionellen Textanalyseverfahren
gewarnt werden muss), ist aber anwendbar auch für Radioproduktionen, die
vornehmlich mit Kompositionselementen aus Musik und Geräuschen arbeiten.
Der Beitrag von Frank Schätzlein
geht einen anderen Weg und hat mit dem Hörstück Die Expansion des
Hörspiels eine interessante Collage aus Hörzitaten aus der Zeit von
1947 und von heute geschaffen. Die zu-grundliegende Materialrecherche zu
1947 ist auf ein Detail gestoßen, das mir wichtig erscheint, weil es als
Fokus für eine Analyse der zeitgenössischen Produktionsszenerie an einem
deutschen Nachkriegssender geeignet ist. Der Autor montiert Zitate aus
Ernst Schnabels Der 29. Januar mit solchen aus Wolfgang Borcherts
Hörspiel Draußen vor der Tür und weist so auf deren unmittelbare
Nachbarschaft hin. Beide Stücke sind, wenn ich richtig sehe, bisher nicht
in eine Verbindung gesetzt worden, die über die zufällige Zeitnähe
hinausginge. Erst das Hin-Hören und der mediengeschichtliche Blick auf die
Entstehung - beides ist das Verdienst dieses Beitrags - macht auf
Beziehungen aufmerksam, die sich lohnen, untersucht zu werden. Erst
weitergehende genaue Hör-Vergleiche könnten interessante
Intertextualitäten aufdecken. Zum Beispiel: Der bis dahin unbekannte
Schauspieler Hans Quest spielt (und spricht eben) nicht nur den Beckmann
in Borcherts Stück - dies macht ihn für Millionen Hörer unvergesslich -,
er spricht in Schnabels Stück (auch wieder) die Rolle eines heimkehrenden
Soldaten. Oder: Hermann Schomberg, der Beerdigungsunternehmer in
Draußen vor der Tür, ist auch der Leichenbestatter bei Schnabel.
Scheinbar nur Kleinigkeiten, die man als Signale von Intertextualität aber
wahrnehmen und lauter stellen muss. Je schärfer man fokussiert, um so
deutlicher werden bestimmte Profile der Radioliteratur jenes
produktionsreichen Jahres 1947 und Radio-Ereignisse rücken nahe zusammen:
Borcherts Hörspiel wurde am 13. Februar gesendet, Schnabels Stück, das
Hörerbriefe vom 29.Januar verarbeitet, erfuhr seine Ursendung am 16. Mai;
der Autor Schnabel war, wie wir wissen, an der Textherstellung von
Borcherts Stück beteiligt (so hat er Borchert zur Titeländerung bewogen);
Ludwig Cremer ist der Regisseur für beide Produktionen gewesen; - ich
breche ab, die Andeutungen mögen die Richtung weisen.
Spuren wie diese auditiver Intertextualität oder jene der
Narrationsform müssen verfolgt werden, wenn man die Geschichte der
Radioliteratur aus ihren eigenen medialen Produktionsbedingungen verstehen
will. Das ist nicht immer leicht, aber die Beispiele zeigen, dass man bei
solchen Erkundungen sehr wohl auf kleine Schätze stoßen kann. Und sie
können auch zeigen, wie denn konkret literaturwissenschaftliche
Textaufschließungen im anderen Raum des Radio-Mediums anzusetzen sind.
Übrigens: Die Beiträge können gehört werden. Das Medienzentrum besitzt
die Aufzeichnung der Sendung und der einzelnen Beiträge.