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Ausgabe Sommer 1996 - Archiv Übersicht - Medienkultur Universität Hamburg

 

Der 29. Januar

Rückblickende Anmerkungen zum Projektseminar "Aspekte des sogenannten Kulturauftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks" im WS 1996/97

von Horst Ohde

Das Projektseminar zum Kulturauftrag hat mit der Abschlussproduktion, deren versammelte Beiträge im Uni-Radio am 29. Januar 1997 gesendet worden sind, mindestens an zwei Beispielen gezeigt, wo man ansetzen könnte. Ich beziehe mich auf diese nicht, weil sie fehlerlose Vorbilder sind, sondern weil hier exemplarisch im Bezug auf die historische Radioproduktion von Ernst Schnabel Der 29. Januar (1947) und konkret auf einen Radio-Text eingegangen wird, der zugleich als Sendeproduktion vorliegt und (überarbeitet) als Buchtext. Insofern ein Fall für die Literaturwissenschaft: Eine konventionelle Themenstellung würde sich vornehmlich mit dem Buchtext befassen und die Realisation eher als Appendix betrachten. Nicht so die beiden Versuche. Sie gehen vom auditiven Ereignis aus und nutzen es für zwei unterschiedliche Verfahrensweisen, Thesen zu entwickeln und zu belegen.


In dem Beitrag von Katja Strube und Sebastian Vogel Ernst Schnabels 29.Januar als Beispiel für Kulturelles Wort wird dieses Stück Radioliteratur sehr kritisch als ein Beispiel ideologischer Behandlung von Zeitthemen interpretiert und so in den damaligen Kulturauftrag eingebunden gesehen. Mit der harschen Wertung muss man nicht einverstanden sein. Hervorheben möchte ich dagegen den analytischen Zugriff der beiden, wenn sie das Erzähl-Verfahren Schnabels auseinandernehmen. Bei genauem Hin-Hören (Das ist es!) bemerkt man zwei Erzähler, die die vielen Mini-Szenen begleiten und verbinden. Sie sind nicht nur die narrativen Transponder der Handlung, sondern sie sind zugleich deren Interpreten. Damit erscheinen sie als die von Schnabel autorisierten (Hör-) Textinstanzen, durch die die Rezeption gesteuert werden soll.

Hier wird ein Analyse-Fenster geöffnet, das den Blick auf narrative Strukturen und deren text- und wirkungsästhetische Ausformungen freigibt. Für diesen Blick, seine methodische Weitung und Schärfung möchte ich werben Es ist dies ein genuin literaturwissenschaftliches Feld und zugleich ein Untersuchungs-Acker für medienwissenschaftliche Anstrengungen. Ihre Verlängerungen (in diesem Fall) könnten z.B. in einem synchronen Schnitt Beziehungen zu anderen Funkformen aufspüren. Oder es könnte in einer chronologischen Werkuntersuchung gezeigt werden, wie die Entwicklung des Funk-Erzählers Schnabel über die Reise-Features bis hin zu Anne Frank's Spur eines Kindes gelaufen ist, und vieles mehr. Wichtig ist mir, auf Verbindungen literaturwissenschaftlicher Fragestellungen mit medienanalytischen Ansätzen hinzuweisen. Das leugnet nicht notwendige Differenzierungen der Verfahren im einzelnen, behauptet aber die Möglichkeit sinnvoller Verbindungen. Das gilt natürlich vor allem für Untersuchungen von Radiotexten mit hohem Wortanteil (obwohl auch hier vor zu schnellen Übertragungen aus traditionellen Textanalyseverfahren gewarnt werden muss), ist aber anwendbar auch für Radioproduktionen, die vornehmlich mit Kompositionselementen aus Musik und Geräuschen arbeiten.

Der Beitrag von Frank Schätzlein geht einen anderen Weg und hat mit dem Hörstück Die Expansion des Hörspiels eine interessante Collage aus Hörzitaten aus der Zeit von 1947 und von heute geschaffen. Die zu-grundliegende Materialrecherche zu 1947 ist auf ein Detail gestoßen, das mir wichtig erscheint, weil es als Fokus für eine Analyse der zeitgenössischen Produktionsszenerie an einem deutschen Nachkriegssender geeignet ist. Der Autor montiert Zitate aus Ernst Schnabels Der 29. Januar mit solchen aus Wolfgang Borcherts Hörspiel Draußen vor der Tür und weist so auf deren unmittelbare Nachbarschaft hin. Beide Stücke sind, wenn ich richtig sehe, bisher nicht in eine Verbindung gesetzt worden, die über die zufällige Zeitnähe hinausginge. Erst das Hin-Hören und der mediengeschichtliche Blick auf die Entstehung - beides ist das Verdienst dieses Beitrags - macht auf Beziehungen aufmerksam, die sich lohnen, untersucht zu werden. Erst weitergehende genaue Hör-Vergleiche könnten interessante Intertextualitäten aufdecken. Zum Beispiel: Der bis dahin unbekannte Schauspieler Hans Quest spielt (und spricht eben) nicht nur den Beckmann in Borcherts Stück - dies macht ihn für Millionen Hörer unvergesslich -, er spricht in Schnabels Stück (auch wieder) die Rolle eines heimkehrenden Soldaten. Oder: Hermann Schomberg, der Beerdigungsunternehmer in Draußen vor der Tür, ist auch der Leichenbestatter bei Schnabel. Scheinbar nur Kleinigkeiten, die man als Signale von Intertextualität aber wahrnehmen und lauter stellen muss. Je schärfer man fokussiert, um so deutlicher werden bestimmte Profile der Radioliteratur jenes produktionsreichen Jahres 1947 und Radio-Ereignisse rücken nahe zusammen: Borcherts Hörspiel wurde am 13. Februar gesendet, Schnabels Stück, das Hörerbriefe vom 29.Januar verarbeitet, erfuhr seine Ursendung am 16. Mai; der Autor Schnabel war, wie wir wissen, an der Textherstellung von Borcherts Stück beteiligt (so hat er Borchert zur Titeländerung bewogen); Ludwig Cremer ist der Regisseur für beide Produktionen gewesen; - ich breche ab, die Andeutungen mögen die Richtung weisen.

Spuren wie diese auditiver Intertextualität oder jene der Narrationsform müssen verfolgt werden, wenn man die Geschichte der Radioliteratur aus ihren eigenen medialen Produktionsbedingungen verstehen will. Das ist nicht immer leicht, aber die Beispiele zeigen, dass man bei solchen Erkundungen sehr wohl auf kleine Schätze stoßen kann. Und sie können auch zeigen, wie denn konkret literaturwissenschaftliche Textaufschließungen im anderen Raum des Radio-Mediums anzusetzen sind.

Übrigens: Die Beiträge können gehört werden. Das Medienzentrum besitzt die Aufzeichnung der Sendung und der einzelnen Beiträge.


Textfassung vom 01.05.1996, Copyright © Horst Ohde
URL: www.akustische-medien.de/aufsatz/zmm_29januar96.htm
Mai 1996 - ZMMnews Online - Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg