Die öffentliche Diskussion bezog sich in
den letzten Jahren vor allem auf den (direkt die Hörer betreffenden)
Bereich der möglichen neuen Übertragungswege. Der Einzug der Computer in
die Studios und die bereits teilweise vollzogene Abschaffung der analogen
Bandtechnik - also Aspekte der Digitalisierung, die direkte Auswirkungen
auf die Radioästhetik haben (können) - erfolgten dagegen eher unbeachtet
und vom Rezipienten ungehört.
Die Digitalisierung der Studiotechnik:
Computer Aided Radio (CAR)
Bei vielen verhältnismäßig jungen
deutschen Radiostationen werden die Beiträge und Sendungen nicht mehr an
der (digitalen) Bandmaschine, sondern an sogenannten Sound- oder
Workstations bearbeitet bzw. geschnitten. Eine solche Soundstation ist ein
Computer mit einer leistungsfähigen Audiokarte (z.B. CUTmaster). Das
Verfahren des Bearbeitens heißt am PC nicht mehr Schnitt, sondern Editing.
Der Redakteur hört die einzelnen Teile seiner Sendung (z.B. O-Ton, eigener
Kommentar, Musik) nicht nur, er sieht sie auch am Bildschirm in der
sogenannten Waveform- oder Hüllkurven-Darstellung. Sind die Computer der
einzelnen Redaktionen mit denen in anderen Sendeanstalten, Audioarchiven,
Nachrichtenagenturen und Sounddatenbanken vernetzt, besteht die
Möglichkeit, mittels Datenfernübertragung fremde Beiträge, O-Töne, Musik,
Jingles oder Spots direkt auf die eigene Festplatte zu laden.
Das Hörfunkstudio der Zukunft ist das Selbstfahrer-Studio, in dem ein
Redakteur oder Moderator alle Geräte um sich herum angeordnet hat und
diese entweder alle selbst per Hand bedienen kann oder sie mit einem
Mausklick über das virtuelle Mischpult auf dem Computerbildschirm startet.
Häufig ist den Hörfunkmitarbeitern dann zusätzlich auch noch die
Möglichkeit der Musikauswahl genommen. Auch das erledigt ein Rechner, der
Musik-Computer. Er sortiert die Musikstücke aus dem Archiv nach
verschiedenen Kategorien (Tempo, Musikrichtung, Interpretentyp, Alter,
Sprache und andere Eigenschaften), ordnet sie verschiedenen Tageszeiten,
Wochentagen und den Jahreszeiten zu und erstellt die sogenannte Playlist.
[1]
Im Newsroom des SWF, der am 2. Januar in Betrieb genommen wurde, werden
die Berichte und O-Töne eines Korrespondenten entweder in den digitalen
Aktualitätenspeicher (DIGAS) des Senders gesprochen oder als Datei von
seinem PC zum Redaktions-PC nach Baden-Baden übertragen. Dort können sie
dann sofort gehört, bearbeitet und mit Musik und anderen Beiträgen am
Computer für eine ganze Sendung zusammengestellt werden. Im Studio werden
dann die einzelnen Elemente der Sendung durch den Moderator vom mit dem
Redaktionscomputer verbundenen Sende-PC (er heißt beim SWF Newsplayer)
abgerufen und direkt von der Festplatte gesendet. Bereits auf
ausschließlich digitalen Sendebetrieb umgestellte Sender sind zum Beispiel
N-Joy Radio, Radio Bremen 4, MDR Sputnik und Fritz, die gemeinsame
Jugendwelle von ORB und SFB. Andere Sender verfolgen das sogenannte
Hybrid-Konzept, bei dem sowohl konventionelle analoge als auch digitale
Radiotechnik-Komponenten verwendet werden. [2]
Digitale Produktionstechnik beim
Hörspiel und interaktives Hörspiel
Bei der Produktion von Autorenhörspielen -
inzwischen natürlich auch in den Hörspielstudios der ARD - findet bereits
seit vielen Jahren das
Harddiskrecording-System (HDR) Anwendung. Durch die Digitalisierung
des Audiomaterials lassen sich alle Parameter getrennt bestimmen: Tonhöhe,
Tondauer, Lautstärke, Klangfarbe, Schwingungsverhalten, Echo, Hall usw.
Der Schnitt kann auf eine zehntausendstel Sekunde genau ausgeführt werden.
Außerdem besteht die Möglichkeit, Sprache, Musik oder Geräusch zu dehnen
oder zu stauchen, damit sie sich in einen bestimmten Zeitabschnitt exakt
einfügen oder sie durch Spezialeffekte (rückwärts abspielen, Sampling,
Phasenverzögerung, Veränderung der Wiedergabefrequenz usw.) zu verfremden.
Mittels Datenfernübertragung ist schließlich das Abrufen von einzelnen
Samples, Sounds, Musikstücken und O-Tönen von Sounddatenbanken möglich -
ohne den Gang ins Bandarchiv. Allerdings setzt dies voraus, dass das
gesamte alte Tonmaterial, das noch auf analogen Bändern oder auf
Schallplatten vorliegt, auf einen digitalen Tonträger überspielt wird;
eine Arbeit, die sich angesichts des immensen Umfangs des archivierten
Materials über viele, viele Jahre hinziehen wird.
Seit Frühjahr 1995 ist es für die Hörer der Kurzhörspielreihe "Codewort
Larissa 4 2" im dritten Programm des Süddeutschen Rundfunks möglich, über
die RadioNet-Mailbox (Forum Schulfunk) von SDR und SWF Vorschläge für das
Manuskript und den weiteren Verlauf der Handlung zu machen. Über die mehr
als 200 Mailboxen des RadioNet-Systems im deutschsprachigen Raum können
sich Hörspiel- und Computerfreunde inzwischen auch die einzelnen Folgen
des Hörspielkrimis als Audiodatei auf die Festplatte ihres PCs laden. Nach
der Produktion von 14 jeweils fünfminütigen Folgen wurde das
Radioexperiment erst einmal unterbrochen, da es von den Verantwortlichen
beim SDR aufgrund der zu knappen Zeit für den Produktionsvorlauf und des
zu hohen Arbeitsaufwands nicht mehr bewältigt werden konnte. Wenn das
Projekt wieder aufgenommen wird, soll jede Krimiepisode in sich
abgeschlossen und der Kontakt zu den Hörern verstärkt werden.
[3]
Radio im Internet (Anfang 1996)
Auch im Internet hat sich der Hörfunk
inzwischen etabliert. Bis zum letzten Jahr war es für Online-Nutzer
relativ umständlich, sich Audiodateien aus dem Netz auf die eigene
Festplatte zu laden. Die Datenübertragung für fünf Minuten Tonmaterial
dauerte etwa eine halbe Stunde. Mit den seit dem Frühjahr 1995 von der
US-Firma Progressive Networks angebotenen RealAudio-Playern ist das alte
Prinzip (Datei aussuchen - Datei laden - Datei mit der Software des
eigenen PCs abspielen) überwunden worden - mit der kostenlosen
RealAudio-Software können alle verfügbaren Audioaufzeichnungen in Echtzeit
vom Anwender abgerufen werden. Über die Progressive-Networks-Server können
neben zahlreichen internationalen Radiosendern auch viertelstündlich
aktualisierte Nachrichten, Uni-Vorlesungen, Hörspiele und Konzerte
angehört werden.
Aus Deutschland wollen jetzt der hessische Sender Hit-Radio FFH, 104,6
RTL, der Jugendsender Fritz und das Inforadio von SFB und ORB im Internet
mit einem Audio-on-demand-Service präsent sein. Neben der Wiedergabe von
Tondokumenten werden auf Online-Basis - vor allem durch den Vorreiter SWF
- auch Adressen, Hintergrundinformationen, vollständige Interviewtexte
u.ä. angeboten. Bisher ist die Tonwiedergabe über das Internet allerdings
blechern und schlechter als bei einem Kofferradio; für Wortbeiträge reicht
die Übertragungsqualität der Leitungen des Datennetzes allerdings auch
jetzt schon aus. Doch dies soll sich ab Januar 1996 ändern, wenn die
verbesserte Version 2.0 des RealAudio-Players angeboten wird.
[4]
Neue Hörfunk-Übertragungssysteme
Das digitale Zeitalter des Radios begann
bereits 1988/89 mit der Einführung des Radio-Daten-Systems (RDS) - zur
Senderkennung und automatischen Senderabstimmung - und dem
Digitalen-Satelliten-Radio (DSR), das seit August 1989 zu empfangen ist.
Obwohl das DSR, da es ohne Datenkompression arbeitet, eine der CD
vergleichbare Klangqualität aufweist, ist es inzwischen gescheitert. Nach
der Aufgabe der Nutzung des Satelliten TV-Sat 2 durch die deutsche
Telekom, ist das DSR nur noch über DSF Kopernikus und den Kabelanschluss
(mit einem speziellen DSR-Tuner) zu empfangen.
Es werden nur 16 - fast ausschließlich Informations-, Wort- und
Kulturprogramme präsentierende - Sender angeboten, die bereits über UKW
empfangen werden konnten. Trotz Kabelempfang und hoher Tonqualität hat das
DSR in der Bundesrepublik jedoch lediglich etwa 100.000 Hörer. Ebenfalls
mit digitalem Satellitenempfang arbeitet das ASTRA-Digital-Radio (ADR).
Hier können zusätzlich zum Audiosignal aber auch Zusatzinformationen
gesendet und über ein Display am Empfangsgerät sichtbar gemacht werden.
Neben konventionellen Hörfunkprogrammen überträgt ADR auch die
Pay-Radio-Programme des Digital-Music- Express (DMX), die ohne Werbung und
Moderation Musik aus verschiedenen Kategorien (z.B. Klassik, Pop, Oldies,
Jazz, Country, Blues) bieten. Der Preis für die ununterbrochene
Musikübertragung liegt ohne die (Miet-)Kosten für das Empfangsgerät bei
etwa 20 DM pro Monat. Ähnlich dem ADR arbeitet schließlich noch das zur
Zeit jedoch wesentlich teurere Satelliten Radio SARA. Da die beiden neuen
Satellitensysteme ADR und SARA ihr Tonsignal aber mit dem
MUSICAM-Verfahren komprimieren, stellen sie für wirkliche Hi-Fi-Fans keine
Alternative zum DSR dar.
Für den digitalen terrestrischen Radioempfang wird seit 1985 das Digital
Audio Broadcasting-System (DAB) entwickelt. Obwohl DAB die Musik auch
mittels MUSICAM komprimiert und somit nicht ganz die Klangeigenschaften
der CD erreicht, hob die Einführungsstrategie zu Beginn die hohe
Wiedergabe- bzw. Übertragungsqualität hervor.
Da diese jedoch - außer für die bereits durch das DSR enttäuschten
Klangpuristen - für die Rezipienten nur geringe Bedeutung hat, wurde die
Argumentation auf die Störungsfreiheit bei mobilem Empfang und die
zusätzlich möglichen sogenannten Mehrwertdienste (das sind Texte,
Wetternachrichten, Verkehrsleitsysteme, Börseninformationen,
Touristikinformationen und Datenrundfunk) verschoben. Doch gerade beim
mobilen Einsatz der DAB-Empfänger im Auto nützt die Wiedergabequalität
kaum und Datendienste sind wohl - mit Ausnahme eines Verkehrsleitsystems -
auch eher im Wege. Der Preis für ein Empfangsgerät liegt subventioniert -
im Rahmen der Pilotprojekte - bei 800 bis 1500 DM, ohne Subventionen bei
etwa 3500 bis 5500 DM. Das neue System für das terrestrische Digitalradio
wird seit Herbst 1995 in Baden-Württemberg, Bayern und Berlin getestet,
Nordrhein-Westfalen folgt jetzt, später dann Sachsen, Sachsen-Anhalt,
Thüringen und Rheinland-Pfalz. Diese Versuche beziehen sich bisher nur auf
das autofahrende Radiopublikum auf den Hauptverkehrsachsen der Testgebiete
(die Gerätetechnik für den stationären Empfang zu Haus findet kaum
Beachtung). Sie werden von den Verantwortlichen der DAB-Plattform e.V.
nicht als Pilot-, sondern als Einführungsprojekte betrachtet - der
Regelbetrieb soll Ende 1997 beginnen, was erstaunlicherweise jetzt schon
festzustehen scheint. Allerdings hängt die Einführung in einem gewissem
Rahmen noch von der Neufestlegung der Rundfunkgebühr ab. Langfristig soll
nach 15 bis 20 Jahren parallelem Betrieb der nicht kompatiblen
Übertragungswege das neue System die UKW-Technik ab dem Jahre 2015 ganz
ersetzen - die konventionellen UKW-Tuner und -Radiorecorder sind dann
wertlos. Ob nicht wieder eine Übertragungstechnik an den Bedürfnissen der
Nutzer vorbei entwickelt und eingeführt wird, die mehr den Umsatz und
Technologievorsprung der Geräteindustrie fördern wird als die Freude am
komfortablen und qualitativ hochwertigen Radioempfang, ist hier noch die
Frage.[5] Zumal die
Telekom schon das Digital Video Broadcasting-System (DVB) für Audio- und
Videoempfang via Kabel, Satellit und terrestrische Sender plant, das alle
hier vorgestellten anderen Verfahren ablösen soll.[6]