Noch nicht mal die Wissenschaft hat das
Medium Radio für wert gehalten, sich mit ihm anhaltend und umfangreich
zu beschäftigen. Die wenigen, die es tun, sind einsame Rufer in der
Wüste. Film und Fernsehen haben ihre Film- und Fernsehwissenschaft, aber
schon mal was von einer Radiowissenschaft gehört? Die wissenschaftliche
Beschäftigung mit dem audiophonen Medium geht in der Medienwissenschaft
oder in der Kommunikationswissenschaft auf. Und die Arbeiten über das
Hörspiel werden auch immer seltener.
Radiokultur? Hörspielkultur? Welcher Literaturwissenschaftler hört
denn heute noch Hörspiele? Fragen sie doch mal im
Literaturwissenschaftlichen Seminar in die Runde! Oder auch auf einem
Germanistenkongress! Dabei gilt das Hörspiel in allen literarischen
Nachschlagewerken längst als literarische Gattung.
Welcher Medienkultur-Student hat denn schon einmal ein Hörspiel von
Andreas Ammer gehört oder von Heiner Goebbels oder von Alfred Behrens?
Wer kennt denn eine Produktion der Hörspielredakteure Ullrich Gerhardt
oder Norbert Schaeffer, um nur mal die gegenwärtig wichtigsten zu
nennen? Welche Hörspieldramaturgen sind denn den Wissenschaftlern
bekannt? Hätte Klaus Schöning neben seiner Hörspieldramaturgentätigkeit
nicht so viele Bücher über das "Neue Hörspiel" herausgegeben - er wäre
längst außerhalb der Rundfunkanstalten vergessen.
Ganz zu schweigen vom Feature. Dass das Radiofeature der deutschen
Sender als Programmform weltberühmt ist, ist in Deutschland weitgehend
unbekannt. Dass Feature-Autoren, wie z.B. Peter Leonard Braun, daraus
eine eigene radiophone Gattung machten - das ist, sagen wir es offen,
der Wissenschaft weitgehend verborgen geblieben. Die zwei, drei
Dissertationen über das ganze Genre sind aus dem Schattendasein des
Selbstdrucks nie hinausgelangt.
Und vom 'Kulturellen Wort', dem Radio-Essay, dem langen
philosophischen Gespräch, dem Disput, und deren Bedeutung für die
bundesdeutsche Kultur haben keine ausführlichen Studien eine
wissenschaftliche Spur in die Programmgeschichte der deutschen Sender
eingezeichnet.
Warum also muss Radio etwas mit Kultur zu tun haben, wenn selbst die
Wissenschaft, die sich sonst um vieles bemüht, was eher randständig
erscheint, sich mit dem immer noch - ja, immer noch - wichtigsten, weil
am meisten genutzten Medium nicht beschäftigt?
Seltener Schwerpunkt
Dass im Nebenfach 'Medienkultur' an der
Universität Hamburg Radio einen der vier Schwerpunkte bildet, kann
bundesweit als Seltenheit verstanden werden. Kaum sonst wird das Medium
explizit in den Studienplänen verankert. Und das hat Folgen: Denn was in
den Studienplänen nicht festgeschrieben ist, wird - und das ist schon
länger so, nicht erst in Zeiten rigoroser Sparmaßnahmen - auch nicht
gelehrt, darüber wird nicht geforscht und nichts geschrieben usf.. Auch
die Wissenschaft ist Teil des Diskurses über das Radio und hat eine
Verpflichtung, die sie bislang auch nicht annähernd eingelöst hat.
Zwar hat es in der Wissenschaftsgeschichte immer mal wieder Ansätze
zu einer Radio- oder Rundfunkwissenschaft gegeben. Kurt Wagenführ hat
Anfang der vierziger Jahre eine Rundfunkforschung am damaligen Institut
für Zeitungswissenschaft Emil Dovifats (er war auch eine zeitlang nach
1945 Vorsitzender des NWDR-Hauptausschusses) etabliert. Das Kriegsende
hat sie nicht überlebt. Nach dem Krieg hat Wagenführ dann das
Hans-Bredow-Institut mitgegründet. Die erste wissenschaftliche
Zeitschrift hieß damals "Rufer und Hörer", war also allein dem Radio
gewidmet, bevor dann "Rundfunk und Fernsehen" gegründet wurde. Tempi
passati.
Heute ist Radio wissenschaftlich wieder im Kommen, schaut man auf den
Buchmarkt: "Radiomanagement" (Haas/Frigge/Zimmer), "Radio heute"
(Arnold/Quandt) oder "Formatradio in Deutschland" (Goldhammer) fallen
einem gleich in die Hände. Na also, doch eine Radiowissenschaft! Wo das
Formatradio eine Reduktion von Journalismus und Kultur betreibt, wendet
sich die Wissenschaft mit Interesse wieder dem Medium zu. Radio wird
erst schön, wenn es so richtig wie im Kaufhaus klingt! Dann werden wir
Wissenschaftler wieder neugierig. Banalität ist doch was Faszinierendes.
"Die Wissenschaft", so lobt RTL-Radiochef zur Mühlen auf dem Deckel
des Buches übers Formatradio, habe "schon lange" auf eine Darstellung
des Formatradios "gewartet". Wusste ich noch gar nicht. Warum hat die
Wissenschaft nicht auf ein Standardwerk über Radiokultur gewartet? Doch
wenn selbst die sonst so kulturbeflissene "Frankfurter Allgemeine"
Kulturwissenschaft für etwas Unsittliches und "Medienkultur" für eine
Art Umbau der "Ornitologie" zum "Flugzeugbau" hält (4.9.96), ist auch
dem letzten Leser der Seite "Geisteswissenschaften" klar, dass
Radiokultur eine Ausgeburt des Ungeistes sein muss.
Ach ja, Kultur. Kultur? Hörspiele? Frederike Roth? Heinz von Cramer?
Heinz Hostnig? Karl H. Karst? Wer ist denn das? Macht nichts, Schwamm
drüber. Easy Listening und Adult Contemporary sind viel schöner.