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Der Hörfunk als Medium
radiophoner Kunstformen
Stationen einer gemeinsamen
Entwicklungsgeschichte
Die Entwicklung der musikalischen,
akustisch-radiophonen und literarischen Gattungen unseres Jahrhunderts kann
nicht ohne die Geschichte des Radios erzählt werden. Seit seiner Einführung
im Oktober 1923 ist der Hörfunk in vielfacher Hinsicht mit der
zeitgenössischen Musik und radiophonen Kunst verbunden.
von Frank Schätzlein
Die Hörfunkanstalten waren nicht
nur Förderer, Forum und künstlerischer Freiraum für Komponisten,
Hörspielmacher und Audiokünstler, das Radio prägte auch den Stil und die
medienspezifische Ästhetik der entstandenen Werke.
Die Weimarer Zeit: Instrumentenbau,
Rundfunkmusik und Hörspiel
In der ersten Phase der
Wahlverwandtschaft von Hörfunk und Gegenwartsmusik lag das Hauptinteresse
im Bereich der mechanischen und elektronischen Musikinstrumente.
Klangexperimente, die nicht an Instrumente gebunden waren, wurden zu
dieser Zeit noch wenig beachtet. Aufgrund der noch unzureichenden
technischen Voraussetzungen des neuen Mediums entstand in der Weimarer
Republik eine spezifische Rundfunkmusik, die durch besondere Eigenschaften
in der Instrumentation und der Satztechnik die aufnahme- und
sendetechnischen Einschränkungen ausgleichen sollte. Als
übertragungstechnisch problematisch galten Pauken, Trommeln, Becken,
Orgeln, Hörner, Bässe und Klaviere. Das Saxophon und neue
elektroakustische Musikinstrumente gewannen dagegen in der für den Hörfunk
geschriebenen Musik an Bedeutung. Rundfunkmusik war zu dieser Zeit im
wesentlichen gehobene Unterhaltungsmusik, häufig mit Einflüssen aus dem
Bereich des Jazz. In den 20er Jahren entstanden auch die für das Medium
Radio spezifischen Gattungen Hörspiel und Funkoper (zur Funkoper siehe
Siegfried Goslich: Musik im Rundfunk) und erste Produktionen im Sinne
einer akustischen Kunst (vornehmlich von Walter Ruttmann, Alfred Braun und
Dziga Vertov).
Experimentalstudios und
Konzertreihen
Nach 1945 versuchten die deutschen
Rundfunkanstalten, das durch den Faschismus Verbotene künstlerisch
nachzuholen. Es gab ein hohes Maß an Bereitschaft und Interesse, das
bisher Unterdrückte und das Neue in der Musik kennenzulernen. Davon zeugen
beispielsweise die Musica-viva-Konzerte des HR und des BR, die
Donaueschinger Musiktage des SWF, die Darmstädter Ferienkurse für Neue
Musik (zuerst HR) und die Nachtprogramme aus Köln (musik der zeit) und
Hamburg (das neue werk). In der Zeit von 1945 bis Ende der 70er Jahre
hatte der Hörfunk großen Einfluss auf die Entwicklung der Neuen Musik -
als Konzertveranstalter und mediales Forum, durch Kompositionsaufträge und
durch den Aufbau von Experimentalstudios und die Bereitstellung der
entsprechenden technische Apparate. Das Hörspiel, die Musique Concrète,
die elektronische Musik und die akustische Kunst entstanden aus
medienspezifisch künstlerischer Arbeit in den Studios der
Hörfunkanstalten. Hier sind neben den vielen Hörspielredaktionen
hauptsächlich die Studios für elektronische Musik und akustische Kunst
beim WDR und das Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung in
Freiburg (SWF) zu nennen. In Frankreich entwickelte der bereits in der
Résistance auf eine neue Radiokunst für den Rundfunk des befreiten Landes
hinarbeitende Pierre Schaeffer die Musique Concrète in den Studios des
Office de la Radiodiffusion-Télévision Française in Paris. Die in der
ersten Entwicklungsphase der elektronischen Musik verwandten Apparate
stammten aus der Messtechnik der Rundfunkanstalten. Wichtige Impulse
erfuhr diese Form der experimentellen Musik später durch die Einführung
des spannungsgesteuerten Synthesizers um 1964 und den Einzug des Computers
in die Studios. Nur große finanzkräftige Institutionen wie die
Landesrundfunkanstalten konnten nach 1945 die von den Künstlern benötigten
technischen Instrumente bereitstellen. Damit wurden sie aber auch
gleichzeitig zu Regulatoren für die Entwicklung des Hörspiels und der
akustischen Experimentalkunst - Radiokunst als "verwaltete Kunst" (Klaus
Schöning). Das Verhältnis des Hörfunks zur zeitgenössischen Musik in
diesem Zusammenhang als Mäzenatentum zu bezeichnen, erzeugt jedoch ein
verfälschtes Bild. Die Hörfunkanstalten nahmen hier nur ihren sogenannten
Kulturauftrag wahr - die Förderung der Neuen Musik war "Pflicht aus
Verantwortlichkeit" (Ulrich Dibelius), nicht Großzügigkeit oder
Mäzenatentum. Außerdem geht es in der Rundfunkpraxis in der Regel nicht um
die selbstlose Schaffung künstlerischer Freiräume, sondern um die
Produktion eines Programmangebots, das den Bedürfnissen und Interessen der
Rezipienten gerecht wird.
Das Radio und die radiophone Kunst
der Gegenwart
In den 80er Jahren fand im Bereich des
Rundfunks ein 'Paradigmawechsel' (Wolfgang Hoffmann-Riem) vom
Integrationsmodell des Mediums zum Marktmodell statt. Die staatliche
Gestaltung nimmt ab, der ökonomische Markt wird zur steuernden Kraft für
die sich wandelnde Rundfunkstruktur. Durch die Einführung des dualen
Systems ist die Anzahl der öffentlich-rechtlichen und der privaten
Rundfunkanstalten immer mehr gewachsen, der Sättigungspunkt in der
Hörfunknutzung ist allerdings bereits erreicht - mit einer Steigerung der
Einnahmen ist also nicht mehr zu rechnen. Somit sind die Radiomacher
(gerade auch aufgrund der hohen Kosten der Erweiterung des
Programmangebotes durch Formatprogramme und der Entwicklung und Erprobung
neuer Übertragungstechniken, z.B. Digital-Audio-Broadcasting) zu
Rationalisierungen gezwungen. Programmformen und Programminhalte, die
nicht auf Zustimmung breitester Rezipientenschichten stoßen, erhalten
zunehmend schlechtere Sendeplätze oder werden aus dem Angebot gestrichen.
Zusätzlich wird durch die zunehmende Ausrichtung auf die Einschaltquoten
der scheinbar elitäre Charakter der genuin radiophonen Hörfunkgenres ins
Bewusstsein gerückt. Bei der Programmgestaltung tritt die Erfüllung des
allgemeinen Bildungs- und Kulturauftrags des Hörfunks in bezug auf Neue
Musik und radiophone Genres eher in den Hintergrund. Im Rahmen der
klangökologischen Bewegung wird vom Medium Hörfunk gefordert, der
Desensibilisierung des Gehörs nicht weiter Vorschub zu leisten, indem es
sich als potentielle Lärmquelle in die moderne Klanglandschaft der
hochindustrialisierten Gesellschaft einpasst und Hörerfahrungen nivelliert
bzw. neutralisiert. Denn gerade das Radio wäre als akustisches Medium in
der Lage, durch die radiophone Kunst den Rezipienten Hörerlebnisse
anzubieten. Hörspiel, akustische Kunst, radiophone Kunst und Neue Musik
liefern akustische Phänomene zur Rehabilitation des Hörens und schaffen
somit 'Gegenentwürfe' zur uns umgebenden Klanglandschaft. Voraussetzung
dafür ist allerdings, dass die Hörfunkanstalten weiter Freiräume für
Audio-Künstler bieten bzw. schaffen und entsprechende (Experimental-)
Studios und Redaktionen erhalten. Dies gilt in bezug auf die Didaktik
natürlich auch für die Universitäten und Hochschulen, die Möglichkeiten
für theoretische und praktische Erfahrungen im Umgang mit radiophoner
Kunst schaffen müssen.
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(1) Breitsameter, Sabine: Radiokunst: Medienkunst. Gegenentwürfe zur
modernen Klanglandschaft. In: Neue Zeitschrift für Musik (1994). H. 1. S.
20 f.
(2) Dibelius, Ulrich: Rundfunk und Neue Musik. In: Musikkultur in
der Bundesrepublik Deutschland. Symposion Leningrad 1990. Hg. von Rudolf
Stephan und Wsewolod Saderatzkij. Kassel: Bosse 1994. S. 223-229.
(3) Frisius, Rudolf: Musik und Technik: Veränderungen des Hörens -
Veränderungen im Musikleben. In: Musik und Technik. Fünf Kongressbeiträge
und vier Seminarberichte. Hg. von Helga de la Motte-Haber und Rudolf Frisius.
Mainz: Schott 1996 (= Veröffentlichungen des Instituts für Neue Musik und
Musikerziehung, Darmstadt. Bd. 36). S. 22-48.
(4) Goslich, Siegfried: Musik im Rundfunk. Tutzing: Schneider 1971.
(5) Hoffmann-Riem, Wolfgang und Will Teichert (Hg.): Musik in den
Medien. Programmgestaltung im Spannungsfeld von Dramaturgie, Industrie und
Publikum. Medienwissenschaftliches Symposion Hans-Bredow-Institut 1985.
Baden-Baden: Nomos 1986.
(6) Humpert, Hans Ulrich: Elektronische Musik. Geschichte - Technik -
Kompositionen. Mainz: Schott 1987.
(7) Pauli, Hansjörg: Rundfunk und Neue Musik. Zur Theorie und Praxis des
öffentlichen Mäzenatentums. In: Musikszene heute. Vier Kongressbeiträge
und zwei Seminarberichte. Hg. von Ekkehard Jost. Mainz: Schott 1988 (=
Veröffentlichungen des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung, Darmstadt.
Bd. 29). S. 8-21.
(8) Schmidt, Hans-Christian (Hg.): Musik in den Massenmedien Rundfunk
und Fernsehen. Perspektiven und Materialien. Mainz: Schott's Söhne 1976 (=
Edition Schott 6664).
(9) Schöning, Klaus: Die Technik - ein Instrument der Akustischen Kunst.
In: Musik und Technik. Fünf Kongressbeiträge und vier Seminarberichte. Hg. von
Helga de la Motte-Haber und Rudolf Frisius. Mainz: Schott 1996 (=
Veröffentlichungen des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung, Darmstadt.
Bd. 36). S. 63-78.
(10) Schöning, Klaus: Spuren akustischer Kunst. In: Neue Zeitschrift
für Musik (1994). H. 1. S. 8-14.
(11) Weißbach, Rüdiger: Rundfunk und neue Musik. Eine Analyse der
Förderung zeitgenössischer Musik durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
2., erg. Aufl. Dortmund: Weißbach 1986 (= Materialien zur Kommunikations- und
Medienforschung. Bd. 1).