Die mangelnde Beachtung innerhalb der
Filmwissenschaft mag nicht ganz einleuchten, da die Arbeit am Filmton
zunehmend Produktionszeit in Anspruch nimmt und sich sowohl technisch als
auch künstlerisch beständig weiterentwickelt. Der Komponist und
Hörspielmacher Heiner Goebbels stellte in seiner Rede auf den Berliner
Hörspieltagen fest:
"Ich schlage vor, die Tonspuren von Filmen zu senden, es sind die
besseren Hörspiele. Bis das geschieht, schlage ich schon einmal vor, bei
der Fernseh-Fernbedienung einen Knopf einzubauen, mit dem man das Bild
'muten' kann. Sie werden einerseits staunend hören, wie komplett die
Soundtracks der Filme schon sind, wie wenig Ihnen vorenthalten bleibt,
wenn Sie all das hören, was normalerweise die Bilder verdoppelt:
Geräusche, Dialoge, Musik. Und Sie werden auf der anderen Seite überrascht
sein, wie oft in den originären Funkhörspielen genau dieser Fehler gemacht
wird: die Illustration des ohnehin gesagten Textes, die Kommentierung der
eh' schon deutlichen Geräusche."
Im Kino
"Schon mal einen Film mit den Ohren
gesehen?" werde ich in einem Prospekt des CinemaxX-Kinos gefragt, in dem
auch auf die "Klangerlebnisse" durch THX, SRD, DTS und Dolby Surround
hingewiesen wird (für welche Technologien und Standards der heute
bedeutendsten Soundverfahren diese Abkürzungen stehen, ist im
nachfolgenden Text erläutert). Die Internetseiten des CinemaxX verweisen
im Bereich "Kinotechnik" direkt auf Seiten mit Informationen über die
wichtigen Systeme sowie auf die Homepages der großen Hersteller für
Kino-Tontechnik.
Sicherlich ist den meisten Kinozuschauern inzwischen bewusst geworden,
dass sich der Ton im Kino in den letzten 10-20 Jahren deutlich verbessert
hat, während das Filmbild auf der Leinwand einfach nur größer geworden
ist. Neben einer Steigerung der Lautstärke hat die permanente Optimierung
der Klangqualität zu einer immer realistischeren Wiedergabe der Tonspur
geführt. Die verbesserte technische Ausstattung spielt hierbei eine
wesentliche Rolle: Gut ausgerüstete Kinos beschallen ihre Besucher
inzwischen aus bis zu acht verschiedenen diskreten (d.h. vollständig
getrennten) Kanälen, einem Center- sowie einem Effektlautsprecher.
Im Bereich der Filmproduktion setzt sich schließlich immer mehr die
Erkenntnis durch, dass der Film kein visuelles, sondern ein audiovisuelles
Medium ist. Bei einer konsequenten Produktion für ein
6-Kanal-Wiedergabesystem (z.B. DTS oder Dolby Digital) entfällt schon die
Hälfte der Produktionszeit auf den Ton.
"Wer die Bilder eines Filmes ehrt, liebt auch seinen Ton - seine
Geräusche, seine Musik, seine Sprache. [...] Der gute Soundtrack wird zum
zweiten Film oder umgekehrt: Der Film liefert die Bilder zur Tonspur.
[...] Der Soundtrack gebiert keinen Zwang zum Bild, keine Erwartung an
eine Erinnerung. Als sei das Gefühl des Films in jedem Tonsegment mehr
bewahrt als in dessen Bildern." (K. Heidkamp)
Den im Kinosaal installierten Lautsprechersystemen kommen sehr
unterschiedliche Aufgaben zu. Der Center-Kanal in der Mitte der Leinwand
überträgt den größten Anteil des Tons (ca. 70-80 Prozent). Er ist für die
Wiedergabe der meisten Dialogelemente zuständig und trennt diese dadurch
von der durch den linken und rechten Frontlautsprecher wiedergegebenen
Filmmusik. Er strahlt vertikal schmal und horizontal breit ab, gleicht das
Stereopanorama in der Mitte aus und erweitert den Bereich des
Zuschauerraumes, in dem die Räumlichkeit des Soundtracks korrekt
wahrgenommen werden kann. Die beiden anderen Frontlautsprecher übertragen
vor allem die Filmmusik und einen Teil von Dialog und Geräusch, wenn sie
von der linken oder rechten Seite kommen oder sich die Schallquelle
horizontal durch das Bild bewegt.
Die hinten und seitlich im Saal installierten Surround- bzw.
Effektlautsprecher sollen erstens den Zuschauer durch die Wiedergabe von
Atmo, Geräuschen sowie Hall-Anteilen von Dialog und Geräuschen in den
Filmraum hineinversetzen. Da das Surroundsystem einen "bildbezogenen" Ton
bereitstellen soll, darf der Zuschauer die Geräusche/Atmo nicht von hinten
bzw. von der Seite hören. Die im Frontbereich angebrachten Kanäle sollen
zusammen mit dem Filmbild dominant bleiben. Dies wird durch die räumliche
Position im Kino, die Gestaltung der Dynamik und die Befestigung in einer
U-förmigen Reihe, die über der Ohrhöhe der Zuschauer liegt, erreicht.
Zweitens sollen die Surround- bzw. Effektlautsprecher einzelne Geräusche
hervorheben oder durch den Raum bewegen (zum Beispiel ein von vorne rechts
nach hinten links über den Kopf fliegender Hubschrauber). Schließlich gibt
es noch die Subwoofer - sie sollen eher Vibrationen als Klänge
produzieren. Die von diesen Lautsprecher erzeugten tiefen Töne liegen
meist im Frequenzbereich von 20 bis 100 Hz und können somit auch nicht in
ihrer Richtung geortet werden.
Die unterschätzte Tonspur
Die Vernachlässigung der auditiven Seite
der Medienprodukte und des Programms bei der wissenschaftlichen
Betrachtung von Film und Fernsehen hat ihre Ursache möglicherweise darin,
dass beim Ton alles einfach und mit wenigen Worten geklärt zu sein
scheint: aktuell, kommentierend, synchron, asynchron, parallel,
kontrapunktisch - schon sind die akustischen Elemente beschrieben. Für die
mühsam und kunstvoll gestalteten Klänge finden sich - wenn sie überhaupt
erwähnt werden - nur immer wieder die gleichen Begriffe: Fanfare,
geheimnisvoll, esoterisch, gewaltig, rhythmisch - eine differenziertere
Beschreibung sucht man meist vergeblich.
"Mit verblüffender Naivität - oder gewohnter Kommerzstrategie - wird
'Tonspur' noch immer auf 'Filmmusik' reduziert, werden subtile
Verschränkungen zwischen Ton und Bild zu platten Abfolgen addiert. Man
hört nur, was man kennt. Und man kennt's nicht anders." (K. Heidkamp)
Die Gestaltung von Dialog und Filmmusik findet zwar oft Beachtung, die
Aufnahmetechnik, der Schnitt und die Mischung bleiben aber genauso
unberücksichtigt wie die Verwendung von Geräuschen, Atmo und Stille. Den
Kategorien der Bildgestaltung entsprechen viele Verfahren im Bereich der
Tonspur - diese Einsicht findet sich in den wenigsten Publikationen zum
Film:
1.) die "Einstellungsgröße" des Tons kann durch die Aufstellung
des Mikrofons in ihrem Verhältnis zur Schallquelle geregelt werden;
2.) verschiedene "Ton-Perspektiven" sind durch die Verwendung
von Mikrofonen mit unterschiedlicher Richtcharakteristik zu realisieren;
3.) die Raumkomposition (beim Visuellen die Architektur des
Bildraums) erfolgt durch die Arbeit mit bestimmten Positionierungen von
Mikrofon(en) und Schallquelle(n) in voneinander abweichenden
Räumlichkeiten sowie durch den über Effektgeräte gesteuerten Einsatz des
Raumhalls;
4.) die Bewegung von Objekten lässt sich, sofern diese Schall
erzeugen oder reflektieren, je nach dem zum Einsatz gebrachten Tonsystem
(Mono, Stereo, Surround, Circle-Surround, Kunstkopf-Stereophonie)
darstellen und in ihrer Dimensionalität steigern;
5.) Überlagerungen mehrerer visueller Ebenen im Filmbild können
auf der Tonspur ebenso in auditiven Kategorien realisiert werden (in
diesem Bereich werden die Fähigkeiten der Rezipienten sowohl von Hörspiel-
wie auch Filmemachern häufig unterschätzt).
Zur Verleihung des 33. Adolf-Grimme-Preises an Dirk Jacob - den
Sounddesigner des WDR-Fernsehfilms "Der letzte Kurier" - schrieb Tilmann
P. Gangloff:
"Die Jury nutzte damit die Gelegenheit, auf einen Berufsstand
hinzuweisen, dessen Arbeit selten gewürdigt wird. Allerdings machte sie es
sich nicht einfach; Fragen nach der eigenen Kompetenz, wie auch die
fehlenden Vergleichsmöglichkeiten wurden durchaus erörtert. Letztlich
sprach jedoch die (Kino-) Qualität des Tons für sich [...]. Tonleistungen
werden von den Kritikern [...] meist überhört."
Geräusche aus dem Studio
In den Produktionsstudios für den
Filmsoundtrack können alle ästhetischen Variablen des Tons separat
kontrolliert werden. Die genaue Positionierung und Bewegung einer
Schallquelle im Hörraum des Films kann direkt über einen Joystick
vorgenommen werden und die Studios sind in bezug auf Bauakustik und
Beschallung wie kleine Kinosäle aufgebaut - der Klangeindruck bei
Produktion und Rezeption soll dadurch möglichst weit in Übereinstimmung
gebracht werden. Alle Einstellungen für den Schnitt und die Mischung der
zahlreichen Spuren können in zusätzlichen Dateien zusammen mit den
Audiodaten abgespeichert werden. Sogar für die Übermittlung der
verschiedenen Arbeitsstufen der Abmischung an den Regisseur, der sich bei
der Tonproduktion nicht vor Ort befindet, hat die Firma Dolby die passende
Technologie entwickelt. Mit Dolby-Fax kann der Regisseur in den USA sich
über eine ISDN-Leitung den Soundtrack im Surroundformat beispielsweise des
Dolby Digital-Systems direkt aus den Studios in Babelsberg vorspielen
lassen.
Für eine genauere Untersuchung des Filmtons spricht nicht zuletzt, dass
von den fünf "Informationskanälen" (C. Metz) des Films nur zwei
durchgängig präsent sind: das Bild und die Ebene der Geräusche bzw. der
Atmo (Stille ist hier als besondere Form der Atmo eingeschlossen). Die
Tonspur strukturiert die filmische Zeit, schafft die Grundlage für die
Kontinuität, überdeckt Fehler oder Schwächen in der Bildgestaltung. Zudem
baut sich der Raum, den der Zuschauer mit den Figuren des Filmes betritt,
nicht nur visuell, sondern auf viel schnellere Weise durch seine
spezifische Akustik auf, noch bevor die Augen (die Kamera) den gesamten
Raum erkunden können.
Hat also nicht die Arbeit des Sounddesigners, der über die akustische
Charakteristik eines Raumes entscheiden muss, eine der Kameraarbeit
vergleichbare Bedeutung?
Der Soundtrack des Films sollte aber heute nicht mehr nur
"Realitätsfaktor" (des Bildes), sondern ein "Miterzähler" sein, der alle
Gestaltungsmöglichkeiten der auditiven Elemente Musik, Dialog, Geräusch,
Atmo, Stille, Raum, Rhythmus nutzt. Die Medien- und Filmwissenschaft
sollte bald das "Werkzeug" zu seiner Analyse und Bewertung entwickeln und
dieser zentralen Komponente des Films größere Aufmerksamkeit widmen.