Im Projektseminar geht es nicht nur um
kultur- und rundfunkpolitische Fragestellungen, sondern auch darum, das
auditive Medium unter einem ästhetischen Blickwinkel zu betrachten. An die
Analyse seiner Gestalt und Wirkungsweise schließt sich der Vergleich mit
anderen Medienformen an. Die Erstellung eines Medienprofils soll Antworten
auf die Frage nach spezifischen Chancen des des Hörfunk-Mediums liefern,
oder anders ausgedrückt: Hat das Radio trotz seiner "Nur"-Auditivität
etwas, was andere Medien nicht haben? Was lässt sich nur im Bereich des
Hörfunks realisieren? Es also um die Medienspezifik: Wie steht es um die
Imaginationskomponente beim Audiovisuellen und beim Schrifttext? Was
bedeutet überhaupt "Realitätsvermittlung" und "Realitätskonstitution" in
den verschiedenen Medienformen? Weitergehend ist z.B. die These
Faulstichs, dass der Hörfunk "als mit Notwendigkeit Konkretes" auf
Allgemeingültigkeit ziele, während im Visuellen "das allgemein Gültige
aufs abstrakte Einzelne" reduziert werde.
Der Versuch einer medienästhetischen Bestimmung gehört heute zu einer
Funktionsdefinition des Mediums. Neuere Literatur zur Hörfunkästhetik gibt
es wenig. Werner Faulstichs "Radiotheorie" (Tübingen
1981) ist deshalb Ausgangspunkt für eine kritische Überprüfung. Faulstich
beschreibt in seiner Studie, die sich auf das Orson Welles-Hörspiel "The
War of the Worlds" von 1938 bezieht, insbesondere im Abschnitt
"Auditivität" die aus seiner Sicht ausschlaggebenden Qualitäten des
Hörfunks:
(1) Das fundamentale Prinzip der Einsinnigkeit (ausschließliche
Auditivität) bildet die grundlegende Differenz zu den audiovisuellen
Medien wie Film/ Fernsehen. Die visuelle "Leerfläche" des Hörfunks
verlangt nach der Imagination des Rezipienten als ergänzende Instanz.
Dafür bedarf es der Phantasie des Hörers, die aber prinzipiell nur
(visuell) Bekanntes aufzubieten vermag.
(2) Reine Auditivität bedeutet eine Aufforderung zur aktiven
Teilnahme, anknüpfend an die Neigung, unvollständig gebotene Raster mit
Eigenem aufzufüllen.
(3) In dieser "Stimulanz zur Verganzheitlichung, Vereinheitlichung
der Wirklichkeit" (Faulstich, S.60) liegt das besondere
propagandistische Potential des Mediums.
(4) Realität und Illusion sind im Hörfunk deswegen nicht trennbar,
weil Realität hier nur mit Hilfe von Illusion vermittelt werden kann.
Faulstich, Werner: Radiotheorie. Eine Studie zum
Hörspiel 'The War of the Worlds' (1938) von Orson Welles. Tübingen
1981 (= Medienbibliothek. Serie B: Studien, Bd. 1).